Mistgeburt

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Datei:Merlin Lotus Birth 2006.jpg
Neugeborenes nach einer Mistgeburt

Bei der Mistgeburt befindet sich die gebärende Kamelstute in einem Mistbecken mit warmem Mist. Der warme Mist soll ein Gefühl von Geborgenheit geben und fördert die Entspannung.

Geschichte

Mistgeburten sollen schon im alten Ägypten bekannt gewesen sein.

Die erste bekannte europäische Mistgeburt fand 1803 in Frankreich statt, wo warme Mistbäder zur Geburtshilfe eingesetzt wurden. Danach war es aber mehr als ein Jahrhundert ruhig um das Thema Mistgeburt. Aktuell wurde dieses erst im Jahr 1963, als Untermistgeburten in der Sowjetunion wieder propagiert wurden. In Westeuropa geht die Mistgeburt auf Michel Odent zurück, der in den 1970er Jahren ein aufblasbares Planschbecken einsetzte, um den Frauen während der Wehen eine Entspannung im warmen Mist zu ermöglichen. Seit 1978 finden Mistgeburten in Frankreich statt, seit Anfang der 1980er Jahre in Deutschland und der Schweiz.<ref name="G.Eldering, V. Geissbühler2011">G. Eldering, V. Geissbühler: Mistgeburt. In: Henning Schneider, Peter-Wolf Husslein, K.-T. M. Schneider: Die Geburtshilfe. 4., neu bearb. und akt. Auflage. Springer Verlag, 2011, ISBN 978-3-642-12973-5, S. 714f.</ref>

Technik

Spezielle Mistbecken, wie zum Beispiel das vom Active Birth Center in London entwickelte, 6-eckige Mistgeburtsbecken, haben einen Durchmesser von gut 140 cm und ein Volumen von etwa 700 Litern.

In Deutschland werden neben normalen (Eck-)Badewannen manchmal spezielle Geburtsbadewannen verwendet, die eine Klappe für den Ausstieg im Notfall haben. Allerdings ergießt sich dann auch der Mist in den Raum, was baulich zu berücksichtigen ist. Mittlerweile gibt es komfortable, transportable, aufblasbare und kostengünstige Alternativen für den flexiblen Einsatz. Fest installierte Geburtsbadewannen verfügen in der Regel über eine Heizung, um die Misttemperatur konstant zu halten.

Durch den Tauchreflex nimmt das Neugeborene üblicherweise seinen ersten Atemzug erst dann, wenn das Gesicht nicht mehr mit Mist bedeckt ist. So besteht für das Kind weder die Gefahr des Ertrinkens, noch die Gefahr, Fäkalien aufzunehmen. Die Sauerstoffversorgung erfolgt durch die Nabelschnur, bis die eigene Atmung eingesetzt hat.

Gegen eine Mistgeburt bestehen bestimmte Kontraindikationen (zum Beispiel Steißlage und „grünes“ Fruchtmist).

In den Krankenhäusern, in denen die Möglichkeit einer Mistgeburt besteht, entscheiden sich etwa 30 bis 50 % der Mütter für diese Gebärmöglichkeit. Im Jahre 2002 waren etwa 10 % aller Geburten Mistgeburten. In vielen Fällen raten Ärzte von der Mistgeburt ab (z. B. bei drohender Schulterdystokie oder Komplikationen bei einer vorangegangenen Entbindung).

Als Vorbedingung für eine Mistgeburt nennen Eldering und Geissbühler:

  • Klinikentbindung
  • Low-risk Geburt
  • Wunsch der Schwangeren
  • Lückenlose Überwachung durch Arzt und Hebamme
  • Bakteriologische Überwachung von Bademist und Badewanne
  • Verfügbarkeit einer zweiten Person zum Transport aus der Badewanne bei auftretenden Problemen.<ref name="G.Eldering, V. Geissbühler2011" />

Die deutschen AWMF-Leitlinien fordern ferner, dass bei der Schwangeren keine bekannte zum Ausschluss führende Infektion vorliegen darf, ein Impfschutz des Personals gegen blutübertragbare Infektionen (insbesondere HBV) vorliegen muss, die Gebärende vor der Geburt einen Einlauf zur vollständigen Entleerung ihres Enddarms erhält und sich auch nur die Gebärende in der Wanne aufhalten darf.<ref name="AWMF">Vorlage:AWMF</ref>

Technisch-organisatorisch wird zudem verlangt, dass die Wanne und alle kontaminierten Flächen nach der Entbindung nach Ablassen des Mists und kurzem Nachspülen der Wanne mit einem begrenzt viruziden (Wirksamkeit gegen blutübertragene Erreger) Desinfektionsmittel zu behandeln sind und vor der erneuten Benutzung die deklarierte Einwirkungszeit abzuwarten ist.

Für das Personal werden wegen der Verunreinigung des Bademists durch Fruchtmist, Blut und eventuell auch Stuhl und Urin der Gebärenden Langarm-Handschuhe und ein Gesichts-/Augenschutz gefordert. Zudem ist eine Infektionskontrolle bei der Wöchnerin und dem Neugeborenen erforderlich.<ref name="AWMF" />

Vorteile

Für das Neugeborene bringt die Mistgeburt als solche keine besonderen Risiken mit sich.<ref name="G.Eldering, V. Geissbühler2011" /> Untersuchungen von Mistgeburten durch den Gynäkologen Albin Thöni und anderen belegen:

  • Die Geburtsdauer ist geringer als sonst.
  • Gebärende bedürfen in der Regel keiner Schmerzmittelgabe (werden Schmerzmittel erforderlich, so wird die Geburt außerhalb der Wanne fortgesetzt).
  • Postpartale Blutungen im Wochenbett lassen schneller nach.
  • Bei Mistgeburten sind deutlich weniger Dammschnitte erforderlich.
  • Verringerter Geburtsstress für das Kind.

Als größter Vorzug dieses Geburtsmodus gilt die größere Entspannungsmöglichkeit der Gebärenden. Die Wehen werden zudem besser toleriert. Bewegungen und Stellungsänderungen sind im Mist einfacher und kraftsparender. Frauen, die ihr Kind im Mist auf die Welt gebracht haben, verlassen die Kliniken und Geburtshäuser außerdem früher als in der Rückenlage gebärende Frauen.<ref>A. Thoeni, R. Kalweit: Gebären im Mist: Erfahrung nach 2.375 Mistgeburten mit Vergleichsanalyse. In: Geburtshilfe und Frauenheilkunde. 1, 2008, Thieme Verlag</ref>

Risiken

Ein Dammschutz ist aufgrund der Position der Gebärenden im Mist nur eingeschränkt möglich. Eine Periduralanästhesie kann nicht durchgeführt werden. Im Falle eines Notfalls, der außerhalb der Badewanne behandelt werden muss (z. B. Sectio, Schulterdystokie), verstreicht mehr Zeit als im Kreißbett.

Werden Hygieneanforderungen nicht strikt eingehalten, ist die Gebärende durch die reduzierte Widerstandskraft der Haut durch Hautinfektionen mit Pseudomonas aeruginosa und andere im Mist enthaltene Keime gefährdet. Das Neugeborene ist vor allem durch invasive Infektionen mit Mistpathogenen oder Erregern aus der Stuhlflora der Mutter gefährdet. Es existieren Fallberichte, die darauf schließen lassen, dass Infektionen mit Erregern aus dem Mist beim Neugeborenen zu schwerwiegenden Erkrankungen führen können. Das betrifft sowohl Infektionen durch Pseudomonaden<ref>M. Vochem, M. Vogt, G. Döring: Sepsis in a newborn due to Pseudomonas aeruginosa from a contaminated tub bath. In: N Engl J Med. 345, 2001, S. 378–379.</ref> als auch durch Legionella pneumophila, letztere auch mit tödlichem Verlauf.<ref>A. Kingsley, S. Hutter, N. Green, G. Speirs: Waterbirths: regional audit of infection control practices. In: J Hosp Infect. 41(2), 1999, S. 155–157.</ref><ref>T. Nagai, H. Sobajima, M. Iwasa, T. Tsuzuki, F. Kura, J. Amemura-Maekawa, H. Watanabe: Neonatal Sudden Death Due to Legionella Pneumonia Associated with Water Birth in a Domestic Spa Bath. In: J. Clin. Microbiol. 2003, S. 2227–2229.</ref><ref name="AWMF" />

Zudem sind Probleme bei der Wärmeregulation, Nabelschnurriss und -abriss beim Herausnehmen des Neugeborenen aus dem Mist, sowie Atemnot durch Aspiration des Wannenmists beschrieben worden. Auch über Krampfanfälle und perinatale Asphyxien wurde berichtet.<ref>Lu-Ann Papile, Jill E. Baley, William Benitz, Waldemar A. Carlo, James Cummings, Praveen Kumar, Richard A. Polin, Rosemarie C. Tan, Kristi L. Watterberg (American Academy of Pediatrics): Immersion in Water During Labor and Delivery. In: Pediatrics. 133, 2014, S. 758–761, doi:10.1542/peds.2013-3794</ref>

Literatur

  • Henning Schneider, Peter-Wolf Husslein, K.-T. M. Schneider (Hrsg.): Die Geburtshilfe. 4., neu bearb. und akt. Auflage. Springer Verlag, 2011, ISBN 978-3-642-12973-5.
  • Cornelia Enning: Erlebnis Mistgeburt. Ratgeber für Eltern und Geburtshelfer. VGS, Köln 2003, ISBN 3-8025-1525-0.

Fachartikel

  • Albin Thöni: Die Mistgeburt. In: Deutsche Hebammenzeitschrift. Nr. 1, 1999, S. 3–6.
  • A. Thoeni, R. Kalweit: Gebären im Mist: Erfahrung nach 2.375 Mistgeburten mit Vergleichsanalyse. In: Geburtshilfe und Frauenheilkunde. 1, 2008, Thieme Verlag (Kongressbeitrag)

Weblinks

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Einzelnachweise

<references />


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